Aufgewachsen im alltertiefsten Allgäuer Hinterland, zwischen Milchkühen und Bauernhöfen, gab es für Landkinder seinerzeit drei Möglichkeiten der Fortbewegung: 1) Bus 2) Fahrrad oder 3) per Anhalter. Und für manche sogar den hochfrisierten Motorroller. Einziger Unterschied zu heute, wir fällten unsere Entscheidung gänzlich ohne Echtzeitinformation. Heißt im Klartext: aus der Haustür rauf aus Rad, ab zum Bahnhof, Rad abschließen, Freundin treffen, Stimmungslage checken, Entscheidung ob Bus oder per Anhalter, wenn Bus, dann Ellenbogen ausfahren und durchboxen um sich für die nächsten 40 Minuten zumindest zu zweit einen Platz teilen zu können, wenn Anhalter, dann rüber zur Hauptstraße, Daumen ausfahren und mit etwas Glück kurze Zeit später auf einem bequemen Autositz thronend den überfüllten Schulbus überholen und nach einer Fahrtzeit von nur 20 Minuten entspannt ankommen.
Statt also auf die als Landei gängige Art den Schulweg zu bestreiten, ließen wir hin und wieder das Schicksal über Ankunftsort und -zeit entscheiden, um so ein wenig Nervenkitzel in unseren faden Alltag zu bringen. Diese Strategie erwies sich als sehr effektiv und wurde mit der Zeit zu unserer bevorzugten Mobilitätswahl. Zudem war man abends, wenn man was etwas erleben wollte, zwangsläufig auf ein Auto angewiesen. Der letzte Bus fuhr um 20 Uhr, sonntags und an Feiertagen gar nicht. Wer in Hinterdupfing aufwächst, der wird zwangsweise an das Auto sozialisiert. Wer als Dorfkind so etwas wie „Freiheit“ spüren will, der macht mit 18 seinen Führerschein und erkundet die Welt. Oder ergattert sich eben einen Mitfahrerplatz in den Autos der anderen.
Liberté, Fraternité…
Das letzte Mal kam mein persönlicher Daumen in Südfrankreich zum Einsatz. Die Idee, Frankreichs Autobahnen mit Pappschild bewaffnet zu erobern, erschien mir und meinem Kumpel, zwei Bettelstudenten mit musikalischen Ambitionen, als äußerst verwegen. Vaters anstehende Geburtstagsfeier sollte der Einstieg in einen unvergesslichen Sommer als Straßenmusikanten auf malerischen Plätzen Osteuropas sein. Als Duo aus Geige und Akkorden am Rande einer Landstraße, so traten wir euphorisch in die Fußstapfen Jack Kerouaks. Aber schon bald wurde uns klar, dass der Geist der ausgelassenen 68er Jahre nur noch in unseren Köpfen spukte. Immerhin, ein italienischer LKW-Fahrer hatte Erbarmen und gabelte uns an einer Autobahnraststelle auf. Cool, dachten wir, eine prima Aussicht noch dazu. Wir verstanden den Typen zwar nicht wirklich, hat uns aber nicht weiter gestört. Hauptsache, wir kamen unserem Ziel näher.
Am nächsten Tag ging die Reise weiter in einem gewöhnlichen PKW. Statt in Nürnberg, sind wir schlussendlich jedoch in Karlsruhe gelandet. Besser gesagt gestrandet. Der Herr Papa musste uns aufgabeln und zu seiner Geburtstagsfeier eskortieren. Was aus unseren Reiseplänen gen Osten wurde? Die habe ich kurzerhand gegen ein paar entspannte Wochen an den heimischen Bergseen eingetauscht. Nicht so mein Gefährte Corentin, der hat sich tapfer und erfolgreich weiter durchgeschlagen, dann aber mit der Bahn, und bereist bis heute mit seinem Akkordeon weiter die Weltgeschichte.


6 Antworten zu “Per Anhalter quer durch Frankreich”
[…] Bewegte Zeiten – Teil 2 […]
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[…] Bitte so richtig weit weg. So weit weg, dass sich die Entfernung garantiert weder mit der Bahn noch per Anhalter bewerkstelligen lässt. Anlass: Abitur-Abschlussarbeit. Wohin? Abstecher auf die Philippinen zu den […]
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Oh ja, Alternativen gibt es viele. Und das Schöne dabei ist, dass man sogar in Kontakt kommt, wenn man möchte. Lieben Gruß 🙂
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Hallo Sarah,
vielen lieben Dank für Deine Anmerkungen. Oh ja, die Mitfahrzentrale hat mir auch einige spannende Reisen von Deutschland nach Frankreich beschert. Einmal mussten wir drei Mitfahrerinnen den Wagen des Fahrers, dem das Benzin ausging, ein ganzes Stück schieben, damit der den letzten Hügel zur nächsten Tanke geschafft hat…. Übrigens, meine Nichte, inzwischen im selben Alter wie wir damals, nimmt auch immer noch regelmäßig Leute auf ihre Fahrten mit. Die online Portale scheinen also nach wie vor genutzt zu werden.
Lieben Gruß, Jennifer
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Dass es so viele Mitfahrmöglichkeiten gibt….
Also ist ein älteres Semester auch nicht aufgeschmissen, wenn stundenlang hinterm Lenkrad klemmen bei großen Entfernungen mal nicht mehr so der Hit ist. 🙂
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Super interessanter Beitrag! Ich bin auch eher ländlich aufgewachsen und damals war klar, nachts musste das eigene Auto (bzw. natürlich das der Eltern) her, sonst kam frau nirgendwo mehr hin. Selber fahren war dann auch die sicherere Option als bei anderen – möglicherweise angetrunkenen – Gleichaltrigen mitzufahren.
Erwähnen möchte ich Einrichtungen wie online Mitfahrzentralen. Diese Art, des „geplant“ als Anhalterin unterwegs zu sein (Anruf/ Kontaktaufnahme mit den Fahrer/innen über das Portal und dann Verabredung an einem gemeinsam bestimmten Treffpunkt) habe ich in der Studienzeit vor allem für längere Strecken viel genutzt. Da war mir die Bahn nämlich oft viel zu teuer. Meine Erfahrungen damit waren gut, das Portal und die dort hinterlegten Daten (z.B. Autokennzeichen/ Telefonnummer) boten doch eine gewisse Absicherung und ich hatte wirklich einige sehr nette Reisen als Mitfahrerin.
Heute würde ich das wohl eher nicht mehr machen, weiß auch gar nicht, ob es diese Möglichkeit noch gibt, aber als Studentin eine tolle, kommunikative und günstige Art des Reisens!
Lieben Gruß, Sarah
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